Adventsgeschichte 1 - 03. Dezember

Die Dessauer Aufbauwagen

  Nach der "Stunde Null" im Jahre 1945 bot sich ein trauriger Anblick auf die Wagenparkstatistik der Straßenbahn: Lediglich 9 Triebwagen und 14 Beiwagen hatten das Inferno vom 7. März 1945 überlebt. Nach der Betriebseinstellung bis zum 13. August konnte ab diesem Tag ein 20-Minutenverkehr zwischen Tempelhofer Straße und Museum aufgenommen werden, dafür wurden die 3 hergerichten Züge mit je zwei Beiwagen benötigt. In der Folgezeit konnte unter erschwerten Bedingungen die Strecke bis zum Hauptbahnhof wieder in Betrieb genommen werden. Werkstatt und Depot wurden nur notdürftig und mit den vorhandenen Mitteln wieder hergerichtet.

  Aus den kriegszerstörten Triebwagen der Dessauer Waggonfabrik (26, 27, 28, 30, 31 und 34) ließ man alle noch verwertbaren Dinge bergen: Motore, Fahrschalter, Fahrgestelle. Diese wurden bei der Waggonfabrik wieder aufgearbeitet und wurden noch Ende 1945 der Straßenbahngesellschaft wieder zur Verfügung gestellt. Ein wiederhergestelltes Fahrgestell erhielt der Kardan-Triebwagen 24 (später 26 II). Die anderen fünf Fahrgestelle lagerte man ein, da man vor hatte, neue Aufbauten zu kaufen.

  1948 war es dann soweit: Die KWU-Verkehrsbetriebe Dessau, Magdeburg und Chemnitz bestellten bei LOWA Werdau insgesamt 21 Aufbauten. Je acht erhielten Magdeburg und Chemnitz, Dessau sollte fünf Wagenkästen erhalten. Die aufgearbeiteten Fahrgestelle gingen dafür nach Werdau, um danach zusammengebaut wieder nach Dessau zu gelangen. Die Hauptwerkstätte in der Heidestraße komplettierte die Wagen anschließend. Im Frühjahr 1950 konnten so die ersten beiden Wagen in den Einsatz gelangen, bevorzugt kamen sie auf den neuen Linien 2 und 3 zum Einsatz. Im Laufe des Jahres wurden auch die drei restlichen Triebwagen fertiggestellt. Nach Umnummerrierung der DWF-Wagen wurden die Aufbauwagen als 30'' bis 34'' in den Wagenpark eingereiht.

  Die Aufbauwagen waren für eine Einsatzdauer von 20 Jahren vorgesehen. Die robusten Fahrzeuge hielten auch bis Anfang der 1970er Jahre durch. 1970 wurde der Wagen 33'' abgestellt und ausgemustert. Im Folgejahr wurde der Tw 31'' ausgemustert und die 32'' zum Arbeitswagen degradiert. Die übrig gebliebenen Wagen 30'' und 34'' fuhren fortan mit ex-Berliner LOWA-Beiwagen auf der Linie 2 zwischen Tempelhofer Straße und Rosenhof. Als die Linie zum Hauptbahnhof eingekürzt wurde, löste im Juni 1972 die 30'' als Arbeitswagen G1 die 32'' ab, welcher anschließend verschrottet wurde. 1973 folgte letztendlich der Wagen 34''.

  Um den Arbeitswagen G1 von den übrigen Linienwagen abzuheben, wurden ihm anfangs zwei grüne Dreiecke an der Front angebracht. Um 1978 wurde der Wagen dann komplett orange lackiert und einige zusätzliche Leuchten angebracht. Er diente vor allem als Kurvenschmierwagen, im Winter auch als Salzwagen. 1981 wurde die B-Front nach einem Unfall umgebaut und für den Einsatz mit Schneepflug angepasst. So war der Wagen bis zum Einsatzende 1987 anzutreffen. Der Rekowagen 39, umgenummert in G1'' löste den Aufbauwagen ab. Dieser verschwand in die hintereste Ecke des Betriebshofes Innsbrucker Straße, geriet aber nicht in Vergessenheit. Noch zu DDR-Zeiten wurde der einzige erhaltene, normalspurige Aufbauwagen des Ostens unter Denkmalschutz gestellt. Viele Versuche in den späten 1980er und 1990er Jahren, den Wagen wieder aufzuarbeiten scheiterte zumeist am Geld.

  Doch Ende 1999, die Verkehrsbetriebe waren mittlerweile auf das Nachbargrundstück umgezogen, wurde die Initiative ergriffen, den Wagen mithilfe von ABM-Kräften des Arbeitsamtes wieder in den Zustand der 1960er Jahre zurückzuversetzen. Mittels eines Kranes wurde der Wagen wieder auf das Gleisnetz der DVG gehoben, was er unbeschadet überstand. In den kommenden 10 Monaten wurde der Triebwagen sozusagen ein zweites Mal neu aufgebaut. Am 24. Oktober 2000 konnte die Technische Aufsichtsbehörde den Wagen abnehmen. Die erste große Aufgabe war die Eröffnung des ersten Funktionsabschnitts der "Straßenbahn Dessau-West" am 31. Oktober 2000. Seither kann "die 30" für Sonderfahrten aller Art bei der DVG angemietet werden.

Fahrzeugliste der Aufbauwagen

NummerBemerkungenFoto
  30 II1972 in ATw G1, 1987 abgestellt, 2000 HTw 30 II
  31 II1971 ausgesondert
  32 II1971 Arbeitswagen, 1972 ausgesondert
  33 II1970 ausgesondert
  34 II1973 ausgesondert



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Tw 30 in der August-Bebel-Straße auf dem Weg zur Gärungschemie


Wagen 34 hält in der Straße der DSF an der Haltestelle


Aus der 30 ist der Arbeitswagen G1 geworden, 1981 erhielt er eine für Schneepflüge angepasste B-Front


Ab 1987 stand der unter Denkmalschutz gestellte Wagen in der hintersten Ecke


1993 bot sich dieses traurige Bild im Betriebsbahnhof Innsbrucker Straße


Seit 2000 ist der Aufbauwagen 30 wieder im Ursprungszustand unterwegs